Textantrieb

Manuskript

Text

Den Text wahrnehmen

Einleitung in den Textbegriff

Text-Bewusstsein entsteht, wenn man begreift, was Text eigentlich ist, und ihn dann im täglichen Leben wahrnimmt.

Wenn ich einen Autohändler besuche und nach einer Probefahrt den Satz „den kaufe ich” ausspreche, so habe ich dadurch ein Symbolgebilde in die Welt gesetzt. Das Symbolgebilde besteht aus einem Symbol für meine Person, einem Symbol für das ausgesuchte Automodell, einem Symbol für die Autofirma, und einer symbolischen Beziehung „Kaufen” zwischen meiner Person, dem Automodell und der Autofirma. Der Autohändler geht daraufhin zum Computer, trägt die Daten ein und drückt eine Bestellung aus, die wir beide unterschreiben. Das Computersystem veranlasst dann die Lieferung des Wagens an mich. Durch die Datenerfassung hat der Händler das von mir erstellte Symbolgebilde ins Computersystem eingespeist. Das Symbolgebilde, das zunächst nur in den Gedanken und Worten der Beteiligten existierte, hat damit computermäßige Verkörperung erhalten und wird automatisch weiterverarbeitet mit der letzten physischen Folge der Übergabe des realen Wagens an mich.

Der Text ist das Symbolgebilde, das eine entscheidende Rolle in dieser Episode spielt. Dieses Symbolgebilde, das in mündlichem Gespräch gestaltet wurde und digitale Form angenommen hat, hat verschiedene Funktionen ausgeübt: Vertrag, Bestellung, Veranlassung der Zahlung und der Lieferung, aber auch andere, wie etwa positive Gefühle beim Verkäufer und bei mir ausgelöst, die Verkaufsstatistiken der Autofirma, die Zulassungsstatistiken der zuständigen Behörde ergänzt und vielerlei mehr.

In dieser Episode lässt sich beobachten, was Text ist. Text ist nicht der Satz, den ich zuerst ausgesprochen habe, als Reihe von Worten. Diese Reihe macht zwar die erste Textdarstellung aus, hat es aber nicht bis ins Computersystem geschafft. Da ist nämlich eine ganz andere Darstellung entstanden, etwa ein Datensatz in der Firmendatenbank. Beide Textdarstellungen sind völlig verschieden und teilen nur den logischen Kern, nämlich eine bestimmte Aussage über Beziehungen zwischen Symbolen.

Der Text, der während der Episode gleich geblieben ist, ist durch verschiedene Schnittstellen gewandert. Die Deutsche Sprache hat die erste Schnittstelle gestaltet, eine andere die Bedienoberfläche des Computers, weitere die Formate der Nachrichten, die der Computer an den entfernten Datenbankserver der Autofirma, des Bankinstituts und der Behörden gesendet hat.

Text-Bewusstsein entsteht, wenn man den Text als symbolischen Kern hinter allerlei Textdarstellungen begreift und ihn dann überall im täglichen Leben wahrnimmt. Text ist nicht dieses Schriftstück oder jene Aussage — das sind Textdarstellungen. Text kann man nicht sehen und nicht hören, sondern nur erkennen. Text ist ein artikuliertes Symbolgebilde. Und jedes artikulierte Symbolgebilde ist Text.