Textantrieb

Manuskript

Wissenschaft

Das Buch der Natur

Wie man sich im Mittelalter gern ausgedrückt hat: das Buch der Natur ist in mathematischer Sprache geschrieben. Wenn man sich dem mit dem hiesigen Textbegriff nähert, wird dieser Ausdruck durchsichtig. Wenn man ein Buch verfasst, das die Natur beschreibt, so verfasst man einen Text. Wenn man darin die Mittel einsetzt, die die Mathematik hervorgebracht hat, hat man einen größeren Erfolg. Es geht also nicht um verschiedene Fragen: erstens wieso ist die Natur ein Buch — also: wieso können wir Menschen darin lesen —; zweitens wieso existiert die mathematische Sprache — als Ideal der Vernunft —; drittens wieso passen dann auch noch beide zueinander, und zwar unbedingt? Hier gibt es hingegen allein eine Frage: wieso können wir Menschen mit gewissem Erfolg über die Welt sprechen? Das ist keine Eigenschaft der Welt, sondern eine Fähigkeit des Menschen. Es scheint nicht völlig unnützlich zu sein, über die Realität zu sprechen, uns Menschen kommt es mindestens so vor, als würden wir uns gewissermaßen verständigen und einige Regelmäßigkeiten feststellen können. Diese Überzeugung gewinnen wir nicht nur unmittelbar, sondern auch indirekt: wenn wir unsere Tätigkeit durch Einsatz von Regeln strukturieren — wenn wir sie unter Texte subsumieren —, so wird die Realität wohlgeordnet. Auf der anderen Seite haben wir im Laufe von Jahrtausenden eine Wissenschaft der Mathematik hervorgebracht, die bestimmte Textstrukturen untersucht. Durch die Beschäftigung mit dem Text als solchem — ohne ihn auf besondere Gegenstände anzuwenden — haben wir grundlegende Textstrukturen entwickelt und sie ausgereift. Die Mathematik studiert also keine Gedanken und sie bewohnt keine ideale Welt, sie untersucht auch nicht die existierenden Gegenstände, sie untersucht den Text, also den Stoff, den wir einsetzen, wenn wir die Realität beschreiben. Das klärt die Fragen vollständig auf, wieso die Mathematik etwas über die Welt aussagen kann, wo sie sich nicht aus der Welt ergibt, und wieso sie unbedingte Notwendigkeit ergeben kann, etwas, das sich aus Beobachtung nicht ergibt. Die Mathematik funktioniert aus denselben Gründen, warum Sprache funktioniert. Da wir über die Welt sachlich sprechen können, deshalb können wir auch eine Mathematik hervorbringen. Der tiefere gemeinsame Grund bleibt weiterhin ungeklärt. Das eine Rätsel besteht: wieso kann der Mensch die Welt überhaupt beschreiben?

Diese Begründung des Satzes über das Buch der Natur ist aber nicht im oberflächlichen Sinne zu verstehen, als wäre die Natur eine Sache, das Buch darüber etwas anderes von Menschen gemachtes und deshalb auf Text basierendes, als hätten wir auch das Buch nicht schreiben können, aber wenn wir es schreiben, dann mit Text. Der Satz zielt tiefer hinein. Es geht nicht um ein Buch über die Natur, sondern um das Buch, das die Natur ist. Wenn zum Beispiel die Wissenschaft eine Schrift verfasst, die die Realität beschreibt, so entspricht die Schrift einem bestimmten Text und die beschriebenen Phänomene demselben Text. Die Arbeit, eine Behauptung auf Wahrheit zu untersuchen, besteht darin, den aus der Aussage entnommenen Text auf die Realität anzuwenden, und zu prüfen, ob er in ihr auch anzutreffen ist. Die Wahrheit einer Aussage besteht nicht in einer Übereinstimmung von zwei ontologisch verschiedenen Entitäten wie Ausdruck und Gegenstand, sondern in der Gleichheit von zwei Texten, dem einen aus dem Ausdruck und dem anderen aus dem Gegenstand stammend.